Zuletzt unterwegs

Bald geht’s los.

Atze mit Auto und Fahrrad
Gabriel

Das bin ich.

Atze

Das ist Atze.

Erika

Das ist Erika.

Und das hier ist unser Versuch, erwachsen zu werden.

Vier Fahrzeuge. Ein Hund. Und die Erkenntnis, dass das Auto meistens gar nicht nötig gewesen wäre.

Das hier ist kein Öko-Blog. Ich predige nichts. Ich dokumentiere, wie jemand mit einem frisch verkauften MX-5 und einem E-Bike vor der Tür langsam lernt, das Richtige zu tun – aus den falschen Gründen. Und was Atze davon hält.


Der Abschied

30 Jahre hatte ich auf ein Cabrio gewartet. Nicht auf irgendein Cabrio – auf ein richtiges. Eines, das nach etwas klingt. Eines, das nicht bloß fährt, sondern fährt. Den MX-5 hatte ich als Teenager in einem Magazin gesehen und gedacht: Irgendwann. Dann kamen Ausbildung, Arbeit, Alltag, vernünftigere Autos. Aber die Idee blieb. So eine Idee hält sich hartnäckig, wenn man ihr genug Raum lässt.

Dann hatte ich einen – und nach nicht mal drei Jahren war ich froh, ihn loszuwerden.

Es war kein dramatischer Moment. Kein letzter Tropfen, kein Knall, kein Abend, an dem ich wütend auf die Motorhaube schlug und sagte: Genug. Es war langsamer als das. Ein schleichendes Gefühl, das sich über Monate aufgebaut hatte – so allmählich, dass ich es lange nicht erkannt hatte, was es war: Erschöpfung. Wo park ich das Ding bloß? Wann ist der nächste Reifenwechsel? Was kostet mich das jetzt schon wieder?

Der MX-5 ist ein wunderschönes Auto. Das muss ich sagen, und ich meine es ernst. Unmittelbar, ehrlich, ohne jeden Komfort – genau das, was ein Sportwagen sein soll. Kein Assistenzsystem, das dir das Fahren abnimmt. Kein Polster zwischen dir und der Straße. Du sitzt tief, du lenkst direkt, du hörst den Motor. Wenn das Wetter stimmt und die Straße stimmt und der Moment stimmt, gibt es kaum etwas Schöneres. Der MX-5 verlangt Aufmerksamkeit, und er belohnt sie.

Das Problem: Der Moment stimmte selten. Der MX-5 ist ein Schönwetterauto in einer Stadt, in der es locker 150 Tage im Jahr vernünftig regnet. Er braucht Sommerreifen und Winterreifen, also zwei Sätze, also Einlagerungskosten oder Kellerschleppen. Er hat keinen Kofferraum – kein Einkaufen, kein Gepäck, kein spontanes Mitnehmen von irgendwas. Er ist tief, also ist das Einparken in normalen Parkhäusern ein Glücksspiel mit Bordsteinkanten. Und er ist schön, also schaut man beim Aussteigen immer noch mal zurück – und ärgert sich über jede neue Delle.

Irgendwann hatte ich aufgehört, ihn zu genießen. Ich fühlte mich nur noch gestresst.

Es gibt diesen Satz: Alles, was du besitzt, besitzt irgendwann dich. Ich kannte ihn. Ich hatte ihn sogar schon mal zitiert, selbstgefällig, zu jemand anderem. Dann saß ich in meinem eigenen Leben und merkte, dass ich nicht das Gefühl hatte, ein Auto zu fahren. Ich hatte das Gefühl, einer Krake zu gehören.

Werkstätten. Versicherungen. Hauptuntersuchung. Parkplatzsuche. Winterreifen. Sommerreifen. Der Rost an der Unterkante der Windschutzscheibe – ist das was? Die Werkstatt sagt, das sei nichts. Der Typ im Forum sagt, das ist immer was. Noch eine Stunde meines Lebens. Alles dreht sich um den Verbrennungsmotor. Alles frisst Zeit und Geld und Nerven und Aufmerksamkeit. Und irgendwann hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass das Verhältnis stimmt.

Atze hat das Cabrio übrigens geliebt. Er saß neben mir auf dem Beifahrersitz, nah dran, Ohren im Wind, direkter Kontakt zur Außenwelt – so unmittelbar wie das Auto selbst. Er hat genossen, was ich zunehmend verwaltet habe. Es gibt ein Foto von ihm, das ich nicht mehr anschauen will, weil es zu gut ist. Er schaut in die Kamera, Fenster offen, Fahrtwind, Ohren nach hinten. Zufrieden. Absolut im Moment.

Ich merke gerade, dass ich mich in die Sehnsucht hineinrede. Das ist eine Falle. Das Gehirn ist gut darin, alles, was weg ist, zu verklären. Der MX-5 im Rückspiegel wird größer, nicht kleiner. Das weiß ich. Also: Stopp.

Die Wahrheit ist: Es hat sich richtig gut angefühlt, sich zu verabschieden.

Andere leiden, wenn Träume enden. Ich habe es als Befreiung empfunden. Nicht sofort – am Tag selbst war es komisch, zu lügen wäre zu viel gesagt, aber es war seltsam still. Doch danach? Leichter. Deutlich leichter. Als hätte jemand eine Aufgabe von meiner Liste gestrichen, die ich selbst nie draufgeschrieben hätte.

Der Garagenplatz ist leer. Das E-Bike steht davor. Erika, sage ich jetzt dazu, weil das besser klingt als „das E-Bike”. Atze schaut skeptisch. Er versteht nicht, was das soll. Er versteht nicht, warum ich jetzt einen Anhänger ankuppele und ihn durch die Stadt fahre, statt mit ihm in einem Auto zu sitzen, in dem er Wind im Gesicht hatte.

Ich erkläre ihm das noch. Und damit ich nicht vergesse, was ich ihm erklären soll, gibt es diesen Blog, der mir dabei helfen soll, keine Geschichte zu vergessen, die ich erlebe auf dieser Reise ohne Auto. Wenn es ihm gar zu sehr fehlt, dann können wir immer noch ins Wohnmobil steigen und uns Europa ansehen. Falls aber mir das wohlbekannte Gefühl von „Abenteuer und Freiheit“ fehlt, das im Ruhrgebiet darin besteht, im Stau stehend in das Lenkrad zu beißen, um die Wut in sozialadäquate Formen zu pressen, dann nehme ich das Motorrad und fahre einfach ohne ihn weg. All das lesen wir auf den Reiseseiten.

Aber auch nicht zu lang. Denn Reisen ohne Atze sind denkbar – aber langweilig.

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147 Tage ohne Auto

Der MX-5 wurde am 27. April 2026 verkauft. Der Zähler läuft weiter — auch dann, wenn hier gerade ein Wohnmobil durch Europa fährt.